Wir machen antirassistische Politik, um unseren Teil dazu beizutragen, rassistische Struktur abzuschaffen. Maßnahmen zur rechtlichen Gleichstellung/Gleichbehandlung von Flüchtlingen/Migrant_innen und Schwarzen Deutschen allein werden nicht reichen, um den Rassismus in dieser Gesellschaft zu beenden. Sie können lediglich eine Voraussetzung dafür schaffen, sich gegen Rassismus und Diskriminierung effektiv wehren zu können. Um darüber hinaus die weit verbreiteten rassistischen Denk- und Verhaltensweisen in Deutschland zu überwinden, wollen/müssen wir auch die eigene Position in Frage stellen, unsere gesellschaftliche Position kritisch beleuchten und uns unserer eigenen Privilegien und Rassismen bewusst werden. Deutschland ist eine durch und durch rassistische Gesellschaft, was sich im Alltag wie auch in Sondergesetzen widerspiegelt.
Was wir denken
Wir verstehen unter Rassismus ein Herrschaftsverhältnis, das seine Wurzeln im europäischen Kolonialismus und der europäischen
Aufklärung hat. Mit der Eroberung anderer Erdteile durch die Europäer_innen stellte sich für sie die Frage nach der
Verhältnisbestimmung zwischen Menschen aus Europa, Amerika, Asien und Afrika.
Es setzte sich der Gedanke einer zielgerichteten Kulturentwicklung der gesamten Menschheit durch. Diese war am europäischen
Geschichtsbild orientiert und ordnete außereuropäische Gesellschaften auf einem niederen Entwicklungsstand ein.
Durch das Aufkommen der Naturwissenschaften ab dem 17. Jahrhundert wurde von Europäer_innen eine Klassifizierung der
Menschen in vier bis fünf Großgruppen, den “Rassen”, entwickelt. Diese Rassifizierung verknüpft körperliche
Merkmale mit geistig-kulturellen Eigenschaften, funktioniert somit über die Zuschreibung vermeintlich angeborener
Eigenschaften. So wurde rückwirkend wiederum die Unterwerfung und Ausbeutung anderer Erdteile und der dort lebenden
Menschen gerechtfertigt. Die durch die Kolonialisierung geschaffenen Abhängigkeitsverhältnisse dienen auch in der Gegenwart
der wirtschaftlichen Ausbeutung der postkolonialen Länder und ermöglichen die Dominanz kapitalistischer Herrschaftsstrukturen.
Bis heute hat sich an diesem Herrschaftsverhältnis nichts geändert. Bis heute haben Menschen mit europäischem Hintergrund
die Macht, zu definieren, wer zu ihnen dazugehört und wer “anders” ist, diese “Anderen” abzuwerten
und in der Gesellschaft zu benachteiligen.
Rassismus bezeichnet jenen gesellschaftlichen Normalzustand, in dem Menschen, weil sie die weiße Norm nicht erfüllen,
deswegen tagtäglich rassistische Erfahrungen machen müssen. Das beginnt damit, dass die Aufmerksamkeit ständig auf sie
gerichtet ist, oder sie andauernd nach ihrer Herkunft befragt werden, ihre Fähigkeiten infrage gestellt werden, sie in
Konkurrenzsituationen (z.B. bei der Wohnungs- oder Jobsuche) benachteiligt werden, und reicht bis hin zu rassistischer
Gewalt auf der Straße.
Rassismus durchzieht alle gesellschaftlichen Bereiche: er manifestiert sich in der Alltagssprache und Bildern, z.B. in
Bezeichnungen für Lebensmittel, Straßennamen, Redeweisen oder Kinderliedern. Bilder und Vorstellungen von
“dem Anderen” werden unabhängig von der Anwesenheit Nichtweißer produziert. Nichtweiße egal welcher Generation
werden in dieser Gesellschaft alltäglich zu Fremden gemacht. Der gesellschaftliche Rassismus wird beständig modernisiert
und schlägt sich in Zeiten des “Kampfes gegen den Terror” z.B. in antimuslimischem Antirassismus nieder.
Auch im staatlichen Bereich, in besonderem Maße in der Asyl- und Zuwanderungspolitik, drückt sich Rassismus heute aus.
Migrant_innen und Flüchtlingen werden in Deutschland systematisch Rechte verwehrt, die für Deutsche Staatsbürger_innen bzw.
EU-Bürger_innen selbstverständlich sind: z.B. das Recht auf Bewegungsfreiheit (durch die “Residenzpflicht”), das
Recht auf Bildung, das Recht zu arbeiten und Bargeld zu besitzen (durch das Gutschein- und Chipkartensystem nach
Asylbewerberleistungsgesetz) und andere grundlegende Rechte.
Die krasseste Form von Entrechtung und Unterdrückung durch staatliche Politik zeigt sich für uns im Lagersystem, in
“Ausreisezentren”, Abschiebeknästen und in der Abschiebung von Menschen. Nicht-EU-Bürger_innen, an denen die
BRD vordergründig keine wirtschaftlichen Interessen hat, erschwert sie “legal” nach Deutschland einzureisen oder
ein Aufenthaltsrecht zu bekommen. Wer nicht als ausreichend definierte Papiere für eine Einreise besitzt, oder bleibt, obwohl
von staatlicher Seite ein Aufenthalt nicht mehr erlaubt wird, wird somit kriminalisiert und in die Illegalität gezwungen,
d.h. “illegalisiert”. Rassismus wird so gewollt zur Legitimation der Umsetzung gesellschaftlicher und staatlicher
Ziele benutzt. Im Alltag Illegalisierter kann hingegen so allein eine simple Fahrkartenkontrolle zu Abschiebehaft und
Abschiebung führen. Gleichzeitig erleichtert dies wiederum, ihre Arbeitskraft in erpresserischen wirtschaftlichen
Abhängigkeitsverhältnissen auszubeuten.
Was wir machen
Die ARI ist seit 1988 aktiv. Nach der gewaltsamen Räumung der Yorck 59 im Jahr 2005 befindet sich die ARI in der
Colbestr. 19 in Friedrichshain und die Dokumentationsstelle im Südflügel des Bethanien in Kreuzberg.
In der politischen Kooperation ist es uns besonders wichtig, mit selbstorganisierten Flüchtlings- und Migrant_innengruppen zusammenzuarbeiten.
Mit Demos und Presse- und Öffentlichkeitsarbeit unterstützen wir Personen, wenn diese sich für ihre Rechte einsetzen und gegen ihre Illegalisierung und Abschiebung zur Wehr setzen. Dabei versuchen wir thematisch eine Brücke vom Einzelfall zum rassistischen Normalzustand zu schlagen. Wir thematisieren, wie Gesetzgeber und Ausführende auf den Behörden eine systematische Ausgrenzung nach rassistischen Kriterien betreiben. Dagegen setzen wir die Solidarität mit den Betroffenen.
Wir initiieren und unterstützen Kampagnen und beteiligen uns an Bündnissen, die sich gegen rassistische Gewalt,
(staatliche) Diskriminierung und Ausgrenzung richten. Konkret beteiligten wir uns in den letzten Jahren an z.B. der
Anti-Lager-Action-Tour 2004, dem Bündnis “Stopp Abschiebung”, dem Migrationsbündnis gegen den G8-Gipfel
und unterstützten Hungerstreiks von Flüchtlingen im Abschiebeknast Grünau. Zurzeit sind wir u.a. aktiv im Bündnis gegen
Lager und der Plattform gegen Rassismus mit der Kampagne
“Integration? Nein Danke!”.
Seit ihrer Gründung beteiligen wir uns an der Initiative in Gedenken an Oury Jalloh. Oury Jalloh wurde am 7. Januar 2005 in
einer Polizeiwache in Dessau getötet. Bisher gab es keine Aufklärung seines Todes und es sieht auch nicht danach aus, trotz
einer jahrelangen politischen Prozessbegleitung durch mehrere Instanzen.
Die Dokumentationsstelle der ARI gibt die jährlich
neu erscheinende Dokumentation “Bundesdeutsche Flüchtlingspolitik und ihre tödlichen Folgen” heraus.
Die Zeitschrift ZAG, die von einer unabhängigen Arbeitsgruppe
herausgegeben wird, erscheint halbjährlich und versteht sich als Forum für antirassistische Theorie und die Entwicklung
von Handlungsperspektiven.
Wir arbeiten bereichsübergreifend; wir denken nicht nur über Antirassismus nach, sondern genauso über Themen wie “zunehmende Kontrolle der Gesellschaft durch die Herrschenden”. Daraus könnte sich ein Wandel der Parolen ergeben, die wir in der AntiRa-Bewegung vertreten. “Papiere für Alle” in der Überwachungsgesellschaft macht keinen Sinn mehr, vielleicht sollten wir eher “Keine Papiere für alle” fordern - eine Parole, die das Recht der Herrschenden auf Überwachung und Kontrolle infrage stellt und die Papierlosen metaphorisch zu Vorreitern eines erstrebenswerten Zustandes macht.